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„Wir sind doch alle Menschen“ – wie sich Auszubildende hier ein neues Leben aufbauen

Mamadou, Ayub, Aminata und Djeinabou (v.l.n.r.) sind IKEA Auszubildende und Teil der Initiative „Perspektiven stärken“.

(30.09.2022) „Man verlässt sein Heimatland nicht einfach so zum Spaß. Alle, die sich auf den Weg nach Europa machen, haben einen Grund. Viele verlassen ihre Heimat, weil sie sich dort unsicher fühlen. Manche haben Angst, beschnitten zu werden und andere flüchten, weil sie als Minderjährige einen alten Mann heiraten sollen.“

Diese bedrückende und zugleich aufrüttelnde Aussage stammt von Aminata. Die 27-Jährige stammt aus Guinea, ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen und Auszubildende in unserem Logistikzentrum IKEA Distribution Services in Dortmund. Ich habe sie und drei weitere Auszubildende mit Fluchthintergrund, die Teil der IKEA Initiative „Perspektiven stärken“ sind, anlässlich des Tags des Flüchtlings für ein Gespräch getroffen. Dabei ging es nicht nur um ihr (neues) Leben in Deutschland, sondern auch um ihre Ausbildung, ihre Wünsche und Ziele für die Zukunft. 

Hej Ausbildung! Ayub und Mamadou sind froh, mit der Ausbildung einen weiteren Schritt hin zu einem sicheren Leben in Deutschland gemacht zu haben.

Aller Anfang ist schwer: ein neues Leben in Deutschland

Doch lasst uns von vorne beginnen. Und vorne meint in diesem Fall: Deutschland. Denn was Aminata, Ayub, Djeinabou und Mamadou vereint, ist die mutige Entscheidung, ihr Leben in Somalia bzw. Guinea aufzugeben und sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Vor Ort merkten sie schnell: Um sich zu integrieren, braucht es mehr als „nur“ Deutsch zu lernen. Mamadou beschreibt dies sehr treffend: „Wenn man in ein neues Land kommt, muss man sich an die dortigen Regeln halten. Das ist am Anfang wirklich schwer. Man möchte alles richtig machen, aber man kennt sich nicht aus und weiß nicht, wie man sich am besten verhält, was typisch Deutsch ist oder wie man von A nach B kommt.“ 

Hinzu kommt, dass es mit nur geringen Deutschkenntnissen eben auch nicht möglich ist, bei Unklarheiten einfach mal eben nachzufragen, so Mamadou weiter. Die anderen Auszubildenden haben ähnliche Erfahrungen gemacht und erzählen, dass die erste Zeit in Deutschland mit viel Stress und Druck verbunden war. „Man muss Sprachprüfungen ablegen, die dann darüber entscheiden, ob der eigene Aufenthaltstitel verlängert wird“, beschreibt Djeinabou die Situation.

„Wenn man neu ist, braucht man einen Plan“ 

Trotz dieser und weiterer Herausforderungen können alle vier der Anfangszeit in der neuen Wahlheimat auch Positives abgewinnen. So erzählt Aminata, dass sie selbstständiger geworden ist und zum Beispiel gelernt hat, ihr Geld so einzuteilen, dass es bis zum Monatsende reicht. Ayub wiederum hat erkannt, wie wichtig Struktur und Ziele sind: „Wenn man irgendwo neu ist, braucht man einen Plan. Als ich nach Deutschland gekommen bin, war mein Ziel, Deutsch zu lernen und einen anerkannten Schulabschluss zu erwerben. Und das habe ich geschafft – ich habe zunächst meinen qualifizierten Hauptschulabschluss gemacht, danach Mittlere Reife und im Anschluss Fachabitur. Um mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, habe ich mir am Anfang immer aufgeschrieben, was meine nächsten Schritte sind und was ich dafür machen muss.“ Auch Mamadou betont, dass die erste Zeit in Deutschland rückblickend eine wertvolle Erfahrung war: „Man merkt, dass manche Menschen es gut mit einem meinen, andere wiederum nicht – das ist nicht nur in Deutschland, sondern in jedem Land so. Umso wichtiger ist es, immer positiv zu denken, gute Laune zu haben und sein Ding zu machen.“

Hej IKEA: Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts

Sein Ding machen ist ein gutes Stichwort, denn genau das tun die vier Auszubildenden, die sich aktuell teils im ersten, teils im zweiten Lehrjahr befinden, sehr erfolgreich. Sie sind Teil der IKEA Initiative „Perspektiven stärken“. Wir möchten damit rund 300 geflüchteten Menschen ihren Weg in den Arbeitsmarkt erleichtern, indem – je nach Bedarf und bereits bestehender Qualifikationen – Sprachkurse, Praktika, Ausbildungsplätze und Festanstellungen an Menschen mit Fluchthintergrund vermittelt werden. Wie entscheidend solche Projekte sind, zeigt sich auch im Gespräch mit den jungen Erwachsenen. Für sie war die Zusage für einen Ausbildungsplatz als Fachkraft für Lagerlogistik ein weiterer Schritt hin zu einem sicheren, geregelten Leben in ihrer Wahlheimat Deutschland. Alle vier sehen die Ausbildung als Chance, einen in Deutschland anerkannten Abschluss zu erwerben und zugleich ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. 

Logistik ist nur für Männer – ein Irrglaube!

Doch warum Logistik? Die Antworten auf diese Frage gleichen sich sehr, da alle vier vorher bereits durch Praktika und Nebenjobs Erfahrungen in diesem Bereich sammeln und dadurch ihr Interesse an Logistik entdecken konnten. Während Mamadou es besonders schätzt, in der Logistik auch „mit den Händen zu arbeiten“, gefällt Djeinabou, die in Guinea bereits ein Bachelorstudium mit Schwerpunkt Finanz- und Bankwesen abgeschlossen hat, dass in der Logistik auch mathematische Kenntnisse gefragt sind. „Mathe macht mir Spaß und in der Logistik gibt es genug zu rechnen“, erzählt sie begeistert. 

Das ist nur ein Beispiel von vielen in unserem Gespräch, das zeigt: Logistik ist weitaus mehr als Staplerfahren – auch, wenn letzteres natürlich dazugehört und allen vieren viel Spaß bereitet. Und es räumt mit einem immer noch weitverbreiteten Irrtum auf: Logistik ist nämlich ein Berufsfeld für alle Geschlechter. Djeinabou bringt es auf den Punkt: „Was Männer können, können Frauen doch auch!“ Sie fügt hinzu, dass es auch in ihrem Umfeld kritische Stimmen gegeben habe. „Ich wurde schon ein paar Mal gefragt: Warum gehst du in die Logistik? Du kannst doch viel mehr machen.“ Dann schüttelt sie den Kopf und sagt entschlossen: „Ich fühle mich in der Logistik wohl und es liegt mir. Einige können sich ja ihren Teil denken, aber das ist mir egal.“

Logistik ist nur was für Männer? Das sind veraltete Klischees, sagen Aminata und Djeinabou. Sie sind überzeugt: Logistik ist ein Berufsfeld für alle Geschlechter!
Logistik = Staplerfahren? Das ist zu kurz gegriffen. Logistik bedeutet vor allem Teamwork und viel Bewegung.

Eine zweite Familie fernab der Heimat

Mit welcher Selbstverständlichkeit die junge Frau über ihre Berufsentscheidung spricht, ist beeindruckend. Und auch Aminata, die zweite weibliche Auszubildende in der Runde, hat nicht das Gefühl, als Frau in der Logistik eine Sonderrolle zu spielen. Sie sieht die Vorteile ihres Berufsfeldes unter anderem darin, ständig in Bewegung zu sein und ergänzt: „Außerdem arbeitet man viel mit Menschen. Das ist super.“ An dieser Stelle nicken alle zustimmend. Die Arbeit im Team und das nette, kollegiale Verhältnis untereinander gefällt den vier Auszubildenden sehr. 

So erzählt Ayub beispielsweise, wie schön er es findet, dass sich bei IKEA alle duzen und fährt fort: „Was mir auch positiv aufgefallen ist: Hier grüßt man sich immer. Wenn man an jemandem vorbeigeht, kommt immer ein ‚guten Morgen‘ oder ‚Mahlzeit‘.“ Mamadou betont, dass er jederzeit Fragen stellen kann und es nicht schlimm sei, Fehler zu machen. „Man kriegt immer Unterstützung, wenn man sie braucht, wird aber auch selbst um Hilfe gebeten. Es ist ein Geben und Nehmen.“ Apropos Hilfe: Aminata erzählt, dass sie im ersten Ausbildungsjahr Mutter geworden und glücklich ist, dass sie ihre Ausbildung trotzdem fortführen kann. „Man hat mich bei IKEA sehr unterstützt. Ich habe zum Beispiel flexible Arbeitszeiten. Dadurch kann ich meine Arbeit an den Zeiten der Tagesmutter ausrichten.“ Die junge Mutter ergänzt: „Mir wurde immer gesagt: Kinder stehen an erster Stelle. Das ist auch ein Grund, warum ich IKEA wie eine zweite Familie empfinde. Ich fühle mich hier gut aufgehoben und nicht alleine.“ 

Die Zukunft kann kommen!

Und alleine ist sie wirklich nicht – denn neben Kolleg*innen, die mit Rat und Tat zur Seite stehen, bietet IKEA Distribution Services in Dortmund den Auszubildenden auch die Möglichkeit, Sprachkurse oder Nachhilfeunterricht zu besuchen. All das soll sie dabei unterstützen, ihre Ausbildung erfolgreich zu meistern. Und dann? Für die vier steht fest: Nach der Ausbildung geht es weiter mit Lernen. Ob dies in Form von Weiterbildungen, eines Studiums oder dem Erwerb eines Meistertitels erfolgt, lassen sie auf sich zukommen.

Für mich ist dieser Wille, sich stetig weiterzuentwickeln, während unseres ganzen Gesprächs deutlich spürbar. Die Motivation, das eigene Leben in Deutschland selbst in die Hand zu nehmen, passt auch gut zu Aminatas Worten vom Anfang, als sie sagte: „Niemand verlässt sein Heimatland einfach nur zum Spaß.“ Daran anknüpfend wünschen sich die vier Auszubildenden mehr Verständnis und Unterstützung für geflüchtete Menschen. Mamadou ergänzt: „Wir sind doch alle Menschen und möchten einfach nur ein besseres Leben. Am Anfang brauchen wir mehr Hilfe, aber dann geben wir der Gesellschaft auch mindestens genauso viel zurück.“

Wie wird ein neues Land auch zu einem neuen Zuhause? Wir sind gemeinsam mit 18 Frauen mit Migrationshintergrund dieser Frage nachgegangen.


Über die Autorin: Judith Alpmann

Hej ich bin Judith! Ich arbeite bei IKEA in der internen Kommunikation und versuche, unsere Mitarbeitenden bestmöglich zu informieren und kommunikativ einzubinden. Meine große – und für alle, die mich kennen – wenig geheime Leidenschaft ist das Reisen. Neue Orte zu erkunden macht mir unglaublich viel Spaß! Als Kind habe ich in einer Ferienwohnung im Urlaub auch mein Lieblingsmöbelstück von IKEA entdeckt: Den gemütlichen Sessel POÄNG. Es war Liebe auf den ersten Blick, daher habe ich ihn mir damals auch direkt zu Weihnachten gewünscht. Seitdem begleiteter er mich durchs Leben und versprüht auch in meinem Alltag ein bisschen Urlaubsflair. Nicht zuletzt durch meine vielen Auslandsaufenthalte liegt mir Diversity and Inclusion sehr am Herzen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es, dass dieses Thema weiterhin an Bedeutung und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gewinnt.


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