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Gastbeitrag: Der Schlaf in Zeiten von Social Media

Emma Beddington ist stets auf der Suche nach Menschen, die ebenfalls unter Schlafstörungen leiden, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihre Lösungsstrategien auszuprobieren. © Alex Telfer

(09.05.2022) Emma Beddington schläft schlecht. Sie ist stets auf der Suche nach Menschen, die ebenfalls unter Schlafstörungen leiden, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und ihre Lösungsstrategien auszuprobieren. „Ich betrachte Schlafstörungen als natürlichen Teil unseres Lebens. Selbstverständlich ist ein erholsamer Schlaf wichtig, aber diesen stillen, schlaflosen Stunden wohnt auch ein ganz eigener Zauber inne,“ erzählt sie. Emma musste erst lernen, die Erfahrung der Schlaflosigkeit zu akzeptieren, bevor sie selbst besser schlafen konnte. Seither treibt sie eine entscheidende Frage um: Gehen wir die Sache mit dem Schlafen eventuell völlig falsch an?

Die scheinbar perfekte Nachtruhe

Es ist Schlafenszeit und im Schlafzimmer ist alles für die perfekte Nachtruhe vorbereitet. Die Kissen sind frisch aufgeschüttelt und duften zart nach Lavendel. Die schweren Vorhänge sind zugezogen und hüllen den angenehm kühlen Raum in wohlige Dunkelheit. Auf dem Nachttisch steht ein Schlafspray fürs Gesicht. Die Beleuchtung meines E-Book-Readers ist gedimmt und meine schwere Bettdecke wartet darauf, dass ich mich in sie einkuschele wie in einen gemütlichen Kokon. Das Problem ist: Ich bin ganz woanders.

Ich liege im Wohnzimmer auf dem Sofa und starre auf mein Handy, während im Hintergrund der Fernseher flackert. Der beruhigende Kamillentee, den ich eigentlich mit ins Bett nehmen wollte, steht neben mir und wird langsam kalt, während ich mich durch meine Social-Media-Kanäle scrolle, bis mir die Daumen wehtun, und mich in Streitgespräche zwischen wildfremden Menschen verstricke. Ich bin müde, unendlich müde. Zu müde, um vernünftig zu sein, und viel zu müde, um mich meinen „Bettmin“-Aufgaben zu stellen (so nenne ich die alltäglichen Arbeitsschritte vor dem Zubettgehen: waschen, Zähne putzen, mit Zahnseide hantieren, umziehen und so weiter). Wenn ich mich dann irgendwann doch die Treppe hinauf schleppe in Richtung Badezimmer, dann halte ich die Zahnbürste in der einen Hand und das Handy in der anderen. Ich kann den Tag ja schlecht beenden, ohne noch dieses Video gesehen zu haben, in dem ein Tourist von einem Warzenschwein gejagt wird, oder? Aber jede*r weiß, wie dieser Abend endet: In einer weiteren unruhigen Nacht.

„Das eine Video muss ich mir noch angucken ...“ – kommt dir dieser Gedanke bekannt vor?
Es ist Schlafenszeit und im Schlafzimmer ist alles für die scheinbar perfekte Nachtruhe vorbereitet, doch die sozialen Medien machen uns oft einen Strich durch die Rechnung.

Schlafmangel beeinflusst unsere Stimmung

Ich leide unter zeitweiliger Insomnie und sehne mich nach erholsamerem Schlaf. Es gibt kaum etwas, das ich mehr hasse, als nachts wach zu liegen, während die kostbaren Stunden zwischen ein und vier Uhr morgens vorbeiziehen. Aber was tue ich eigentlich dafür, besser zu schlafen? Die Antwort ist: nicht viel.

Geht es dir ähnlich? Es gibt sicher eine Menge Menschen wie mich, die ihre eigenen Schlafbemühungen aktiv untergraben. Dieses Phänomen lässt sich sogar statistisch erfassen: In einer kürzlich von IKEA durchgeführten Studie nennen 55 % der befragten Menschen Schlaf als die wichtigste Aktivität für das Wohlbefinden, die sie zu Hause durchführen. Doch laut der Philips Global Sleep Survey aus dem Jahr 2019 sind 62 % der Erwachsenen der Meinung, dass sie nicht gut schlafen.

Erholsamer Schlaf ist wichtig, denn wenn wir nicht genug schlafen, sind wir schlecht gelaunt und weniger intelligent (ich weiß das aus eigener Erfahrung: Ich habe heute morgen eine Viertelstunde lang meinen Schlüsselbund gesucht und ihn schließlich im Kühlschrank gefunden). Schlafmangel beeinträchtigt unsere Stimmung, unser Gedächtnis und unsere Fähigkeit, mit Stress umzugehen. Er wirkt sich sogar direkt auf unser körperliches Wohlergehen aus. Im Schatten der Corona-Pandemie hatte die Welt noch mit einem zweiten weitverbreiteten Problem zu kämpfen, dem die Wissenschaft den Namen „Coronasomnia“ verpasste. Seither haben zahlreiche Studien gezeigt, wie sehr unsere Schlafqualität darunter gelitten hat, dass wir – alleingelassen mit unseren Ängsten – Zuhause festsaßen. Diese Entwicklung hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig ein gesunder Schlaf ist, damit wir produktiv, gesund und glücklich leben können.

Sind Schlafstörungen vollkommen normal?

Manchmal wissen wir ganz genau, dass wir etwas falsch machen, und können – oder wollen – doch nicht damit aufhören. Das Phänomen, sich spät nachts durch die sozialen Medien zu scrollen. „Ich sollte ins Bett gehen“, sage auch ich mir jeden Abend. Nur um mir umgehend selbst zu entgegnen: „Aber ich brauche auch ein wenig Zeit für mich. Das habe ich mir verdient!“ Und dann schaue ich mir eine Stunde lang Videos an, in denen Katzen und Eulen Freundschaft schließen. Wäre es nicht vielleicht klüger, mir zu sagen, dass ich acht Stunden Schlaf verdient habe? Ganz bestimmt, aber das macht halt weniger Spaß!

Aber das ist bei Weitem nicht der einzige Fehler, den wir beim Schlafen machen. Die Schlafforschung steckt noch in den Kinderschuhen und wir alle tappen gewissermaßen im Dunkeln. Das hat zur Folge, dass Ratschläge oft erst einmal widersprüchlich oder kontraintuitiv klingen können. So raten Wissenschaftler beispielsweise davon ab, entgangenen Schlaf am Wochenende oder mit längeren Nickerchen „aufholen“ zu wollen, weil dadurch die circadiane Rhythmik durcheinandergerät – unsere innere Uhr, die die Schlaf- und Wachphasen regelt. Und die bemerkenswerten Erkenntnisse gehen noch weiter: Forschungen legen nahe, dass der Nachtschlaf unserer Vorfahren auf zwei Phasen aufgeteilt war. Sie schliefen in der Abenddämmerung ein, wachten dann in der Nacht für ein, zwei Stunden auf, und schliefen dann weiter bis zum Morgen. Könnte es nicht sein, dass einige von uns noch immer auf diese biphasische Schlafweise eingestellt sind – und dass das, was wir als Schlafstörungen bezeichnen, eigentlich vollkommen normal ist?

Mein (total scheinheiliger) Einschlaftipp: einfach weniger drüber nachdenken. Klar, es kann sicher nicht schaden, tagsüber etwas Sonnenlicht zu tanken und abends das Handy wegzulegen. Aber davon abgesehen, scheint es mir das Beste zu sein, die Waffen zu strecken und das müde Säugetier in uns einfach machen zu lassen. Eigentlich wissen wir nämlich, wie man schläft. Wir müssen uns nur entspannen und es geschehen lassen. Genau diesen Ratschlag werde ich heute Abend beherzigen – ich muss mir nur vorher unbedingt noch dieses Video ansehen, in dem sich eine Katze vor einer Gurke erschreckt …

Dieser Beitrag ist im ersten Life at Home-Magazin erschienen. Es ist eine Weiterführung des jährlichen Life at Home-Reports von IKEA, der in seiner aktuellen Ausgabe den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und dem Zuhause untersucht hat. Neugierig? Hier findest du das vollständige Magazin.

In einer von IKEA durchgeführten Studie nennen 55 % der Befragten Schlaf als die wichtigste Aktivität für das Wohlbefinden. © Indre Surdokaite

Über die Autorin: Emma Beddington

Journalistin Emma Beddington wirft einen Blick auf ihre eigenen Einschlafbemühungen – und kommt zu dem Schluss, dass wir das alle völlig falsch angehen.

© Alex Telfer

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