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Gespräche unter Männern

Mark Pagán, Schöpfer von Other Men Need Help, berichtet von seinen Beobachtungen. © Jurate Veceraite

(13.06.2022) Wenn Männer mit Männern über ihre Gefühle reden, neigen sie dazu, parallel unbewusste Handlungen zu vollziehen, indem sie zum Beispiel mit Gegenständen herumspielen – dies zumindest hat Mark Pagán, Schöpfer und Moderator des Podcasts Other Men Need Help, bei seinen Gesprächspartnern und an sich selbst beobachtet.

Im Jahr 2020 lebte ich mit meiner Freundin Caitlin und einer erst kürzlich bei uns eingezogenen Taube namens Valentina in einer Wohnung in New York City. (Wie Valentina zu uns kam, ist eine wirklich bemerkenswerte Geschichte, die ich ein andermal erzählen werde.) Damals, als uns die Welt noch offenstand, fühlten sich die 75 Quadratmeter dieser Wohnung an wie ein kleines Paradies, das uns mehr als genug Platz bot, um uns nach der Arbeit ins Private zurückzuziehen oder andere Menschen an unserem Leben teilhaben zu lassen.

Eine Kühlschranktür voller Magnete, Postkarten und – am allerwichtigsten – Fotos von Freunden. © Jurate Veceraite

Zu Gast im Herzstück: Dem Zuhause

Ich war zu dieser Zeit gerade dabei, die dritte Staffel von Other Men Need Help fertigzustellen. In diesem Podcast, bei dem ich Moderator und Produzent zugleich bin, untersuche ich, wie sich Männer in der Welt inszenieren, und bitte sie, zu erzählen, was sich dabei in ihrem Inneren abspielt. In der dritten Staffel ging es hauptsächlich um Männerfreundschaften. Dafür bin ich nicht nur durch das ganze Land, sondern auch tief in die Innenwelten meiner Gesprächspartner gereist. 

Sollte es je zur Debatte gestanden haben, ob die Häuser und Wohnungen von Männern Orte der Freundschaft sind, so kann ich diese Frage jetzt voller Überzeugung mit „Ja“ beantworten. Eigentlich sollte die Frage vielmehr lauten: In welcher Form sind Freundschaften in diesen Häusern und Wohnungen (physisch) präsent? Wie ist jemand Teil unseres Zuhauses, ohne körperlich anwesend zu sein? Nachdem ich mehr als 100 Stunden lang in den Küchen, Wohnzimmern von Männern gesessen und sie mit Fragen zu ihren wichtigsten Freundschaften gelöchert hatte, wurden mir einige Dinge über das Innenleben von Männern (und die Innenräume, in denen diese Leben stattfinden) klar. Genauer gesagt: Ich erkannte Muster.

Die Spuren der Männerfreundschaften

Wenn ich sie bat, sich still hinzusetzen und mir von ihren besten Freunden zu erzählen, begannen die meisten meiner Gesprächspartner, an irgendwelchen Dingen herumzufummeln, die sich gerade in Reichweite befanden.

Als ich beispielsweise von Kyle wissen wollte, warum er mit seinem besten Freund Javier nicht über seine emotionalen Bedürfnisse sprechen könne, nahm er sein iPhone in die Hand und begann, damit auf dem Tisch herumzutippen. Und als Lars mir erzählte, dass sein Freund Neil ihn nie zu bestimmten Unternehmungen einladen würde, griff er sich dabei geistesabwesend die vor ihm stehenden Salz- und Pfefferstreuer und fuhr mit ihnen wie mit Autos über die Tischplatte.

Aber auch, wenn ich nicht aktiv nachbohrte, waren die engen Bindungen zwischen Objekten und Freunden allgegenwärtig. Gerade in unserer zunehmend digitalisierten Welt, in der wir Erinnerungen vor allem in unseren Smartphones, PCs und Social-Media-Kanälen speichern, fand ich es rührend, dass viele Leute die Beziehungen zu den Menschen, die ihnen wichtig sind, noch immer pflegen, indem sie ausgedruckte Fotos und kleine Andenken aufbewahren, die sie an die wilden Nächte mit den Jungs erinnern. Von Umarmungen, die auf einem Polaroid-Foto festgehalten unter einem Kühlschrankmagneten klemmen, bis hin zu auf einen Bierdeckel gekritzelten Witzen waren die Spuren von Männerfreundschaften im Zuhause jedes Mannes zu finden.

Ein Telefonat mit Auswirkungen

Ich hatte ungefähr 90 % der Staffel „im Kasten“, als es hieß, wir sollten jetzt alle zu Hause bleiben und wir plötzlich mit unseren Liebsten in den eigenen vier Wänden festsaßen. Caitlin und unsere Taube Valentina waren die meiste Zeit über eine sehr angenehme Gesellschaft, aber nachdem wir einen Monat lang tagein, tagaus zusammen gewesen waren, vermisste ich meine externen Kontakte doch sehr. Mir fehlten meine männlichen Freunde. Ich brauchte jemanden zum Reden, mit dem ich nicht schon den Rest meines Lebens teilte. 

Dieser Jemand war Isaac. Er gehört zu den Menschen in meinem Leben, die ich am längsten und besten kenne, und er bedeutet mir viel. Es begann mit einem Anruf. Wir hatten länger nichts voneinander gehört und Isaac wollte wissen, wie es mir geht. Irgendwann im Laufe des Gesprächs erwähnte ich beiläufig, dass ich neben der Arbeit an Other Men Need Help derzeit tonnenweise Filme anschaute. Isaac dagegen konnte sich – als Vater eines Kleinkindes – kaum erinnern, wann er das letzte Mal einen Film gesehen hatte, der sich nicht um eine singende Lokomotive drehte.

Filmkritiken am Telefon

„Ich würde auch gern mal wieder ein paar Filme für Erwachsene sehen“, sagte er und hatte eine Idee: „Lass uns doch einen Film pro Woche sehen und anschließend darüber reden“. Also machten wir uns gemeinsam daran, ein paar Filme zu sehen. Wir verabredeten uns dazu, nach Möglichkeit immer dienstags gegen sieben Uhr abends das Telefon in die Hand zu nehmen, um den Film der vergangenen Woche zu besprechen. Jedes Telefonat endete damit, dass wir uns einen Film für die kommende Woche überlegten. Den Anfang machte Once Upon a Time in Hollywood.

Eingebettet in diese rund 90-minütigen Filmbesprechungen waren aber auch Neuigkeiten aus unserem jeweiligen Leben, vom Alltäglichen („Hier rennt ein Typ auf der Straße rum und spielt Songs aus Rocky IV“) bis hin zum Existenziellen (die Krebstherapie von Isaacs Mutter oder die Angst vor der Pandemie). Im Laufe der Monate führten wir uns so unterschiedliche Filme wie Is’ was, Doc?, Bacurau oder Cats zu Gemüte. 

Dabei fiel dem Männlichkeitsforscher in mir ein Muster auf. Genauer gesagt: mein eigenes Muster. Ich bemerkte nämlich, dass ich während dieser Filmbesprechungen oft im Schlafzimmer auf und ab ging und dabei nach und nach die Socken und Kleidungsstücke vom Boden aufhob und an ihren angestammten Platz legte. Sprachen wir über unsere Partnerinnen und Beziehungen, räumte ich nebenbei das Büro auf. Aber da ich eigentlich ohnehin recht ordentlich bin, schob ich dabei in erster Linie kleinen Nippes auf den Regalen hin und her, während Isaac davon schwärmte, dass seine Frau gerade Karriere machte.

Ein 20 Jahre altes Mixtape von Isaac, das Mark noch immer in seinem Büro hat. © Jurate Veceraite
In den Räumen, in denen wir leben, bringen wir unsere tiefen Verbindungen zu anderen Menschen und Erinnerungen zum Audruck.

Zeichen der Emotionalität

Manchmal, wenn es mir besonders schwerfiel, ein Beziehungsproblem in Worte zu fassen, strich ich unbewusst über den Staub, der sich auf den Lautsprechern meiner Stereoanlage gesammelt hatte. So entstanden nach und nach kleine Gedankenspuren, staubige Reminiszenzen an einen Gedankengang, den ich beim nächsten Telefonat fortsetzen wollte. Wenn wir ein besonders ernstes Thema anschnitten, etwa Politik, die Pandemie oder unsere alternden Eltern, dann saß ich dabei oft auf einem Holzstuhl an dem rustikalen Tisch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieses etwas unbequeme Sitzen meine Aufmerksamkeit steigern würde.

Als ich meine eigenen Muster mit den Erkenntnissen verglich, die ich in den Reportagen der zwei vorangegangenen Jahre gesammelt hatte, entwickelte ich eine größere Sympathie für die unbewussten Handlungen, in die wir Männer uns fliehen, wenn wir mit den emotionalen Tiefen unserer engsten Freundschaften konfrontiert werden. Heute würde ich diese Handlungen nicht mehr als Herumgefummel bezeichnen. Genau wie die Polaroid-Fotos, die wir zu Hause aufbewahren, betrachte ich sie inzwischen als eine Art körperliches Zeichen. Ein Zeichen für die tiefen Verbindungen, die unsere Freundschaften kennzeichnen und die über unsere Körper und in den Räumen, in denen wir Leben, zum Ausdruck kommen. 

Irgendwann, als die Welt sich langsam wieder öffnete, wurden die Telefonate mit Isaac seltener. Meine Freundin und ich zogen mit all unserem Hab und Gut in eine neue Wohnung. Beim Umzug fand ich in einem Schuhkarton ein altes Foto von Isaac und mir. Im Moment liegt es auf meinem Schreibtisch und wartet darauf, aufgehängt zu werden – ich weiß nur noch nicht genau, wo.

Dies ist die gekürzte Form eines Beitrags, der im ersten Life at Home-Magazin erschienen ist. Das Magazin ist eine Weiterführung des jährlichen Life at Home-Reports von IKEA, der in seiner aktuellen Ausgabe den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und dem Zuhause untersucht hat. Neugierig? Hier findest du das vollständige Magazin und 5 Tipps, wie dich dein Zuhause glücklicher machen kann.

*Hinweis: Einige Namen wurden geändert.


Über den Autor: Mark Pagán

Mark Pagán, Schöpfer und Moderator des Podcasts Other Men Need Help, ist der Meinung, dass Gespräche über psychisches Wohlergehen zwischen Männern in Form von „stillen Verhandlungen“ und „zwischen den Zeilen“ stattfinden. Als Beispiel führt er ein alltägliches Gespräch über Sport an: Zwei Freunde unterhalten sich über ein Fußballspiel, und unter die minutiösen Analysen einzelner Spielzüge mischen sich auch Minidialoge über Krebsdiagnosen, romantische Beziehungen oder Probleme im Job. Wie wichtig diese Minidialoge sind, wird dabei oft übersehen. 

© Tyler Blint Welsh

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