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Zum Kindertag: Warum Frauenhäuser auch Kinderhäuser sind – Interview mit Alice Westphal

Sich zuhause fühlen: Das ist weit mehr als nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf zu haben.

(01.06.2022) Was sind deine schönsten Kindheitserinnerungen? Für mich eine Frage, bei der mir nicht nur am heutigen Internationalen Kindertag sehr viele Momente in den Kopf kommen: Die Urlaube mit meiner Familie, die unzähligen Stunden auf dem Spielplatz, das allabendliche Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte, die Zeit mit meiner Schwester… Wie du merkst, ist das eine Liste, die ich noch sehr lange weiterführen könnte. Und wenn ich sie so vor mir sehe, wird mir erst so richtig bewusst wie wohlbehütet und schön die Welt war, in der ich aufgewachsen bin. 

Am Kindertag: Kindern in Frauenhäusern eine Stimme geben

Ganz im Gegensatz dazu stehen die folgenden Zitate*. Sie stammen von Kindern, die mit ihren Müttern in Frauenhäuser fliehen mussten: 

„Ich bin hier sicher und kann endlich mit anderen spielen, was ich Zuhause natürlich nicht konnte. […] Das ist was anderes, als wenn man jeden Tag Zuhause eingesperrt ist, nichts machen darf und immer zugucken muss, wie die eigene Mutter geschlagen wird.“ (Leila)

„Mich hat das Vertrauen sehr beeindruckt, das mir im Frauenhaus entgegengebracht wurde. Dass man mir vertrauen kann, war eine Schlüsselerfahrung für mich.“ (Mirko)

„Wir waren lange hier. Aber es war für uns auch schön, weil wir in diesem Frauenhaus gelernt haben, was […] Kindheit überhaupt bedeutet. Wir hatten unsere Spielräume, wir haben Ausflüge gemacht. Ich bin hier in der Stadt zum ersten Mal in meinem Leben im Kino gewesen.“ (Luana)

Und vielleicht geht es dir wie mir: Allein das Lesen der kurzen Interviewausschnitte macht einen traurig – zeigt es doch, wie sehr das familiäre Umfeld darüber bestimmt, wie die eigene Kindheit und damit der Start ins Leben verläuft.  

IKEA kooperiert mit der Frauenhauskoordinierung

Passend zum Anlass dieses Blogbeitrags, dem Internationalen Kindertag, liegt den Zitaten noch eine weitere Besonderheit zugrunde: Wer bei Frauenhäusern zuerst an Frauen denkt, liegt falsch. So betont die Geschäftsführerin des bundesweit tätigen Vereins Frauenhauskoordinierung (FHK), Heike Herold: „Frauenhäuser sind immer auch Kinderhäuser.“ Denn was mir vor unserer Zusammenarbeit mit dem Verein auch nicht bewusst war: In Frauenhäusern leben meist mehr Kinder als Frauen. Oftmals wird das Frauenhaus für viele Monate, manchmal sogar Jahre, zum neuen Lebensmittelpunkt der Mütter und ihrer Kinder – ein Umstand, dem in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig Beachtung zuteilwird.

Daher möchten wir uns gemeinsam mit unserem Kooperationspartner, der Frauenhauskoordinierung, für einen Perspektivwechsel einsetzen. Hierfür haben wir ein auf zwei Jahre angelegtes Projekt namens „Zuhause auf Zeit“ ins Leben gerufen. Dieses fördert, dass Kinder in Frauenhäusern als eigenständig Betroffene wahrgenommen und besser psychosozial unterstützt werden. Auf diese Weise können auch die Mütter entlastet und zugleich befähigt werden, sich besser in die Situation ihrer Kinder hineinzuversetzen. 

Mit dem Projekt „Zuhause auf Zeit“ möchte IKEA Mütter entlasten.
„Ein Frauenhaus kann ein guter Ausgangspunkt für einen Neuanfang sein“, sagt Aktivistin und Speakerin Alice Westphal.

„Mütter müssen ihr Schweigen brechen, um ihre Kinder zu schützen“ – Interview mit der Aktivistin Alice Westphal 

Dieses Bewusstsein für die Bedürfnisse der eigenen Kinder in einer von Gewalt geprägten Beziehung musste auch Alice Westphal erst entwickeln. Sie arbeitet heute als Autorin, Speakerin und Aktivistin und setzt sich für Frauen ein, die Opfer von physischer, sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt geworden sind. Im folgenden Interview zum Internationalen Kindertag berichtet sie von ihren Erfahrungen, erzählt, wie sie zur Aktivistin wurde und gibt Tipps, wie betroffene Mütter Hilfe für sich und ihre Kinder erhalten können. 

Liebe Alice, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das kurze Interview nimmst! Du hast in deinem Leben verschiedene Gewalterfahrungen machen müssen. War eine Flucht ins Frauenhaus für dich eine Option? 

Anfangs wusste ich nicht, dass es Frauenhäuser für gewaltbetroffene Frauen als Schutzraum gibt. Ich bin häufig zu Freundinnen und in Hotels geflüchtet. Ein Frauenhaus kam für mich nicht infrage. Für mich war es DIE „Endstation“. Ich war einmal dort und bin sofort wieder gegangen, weil ich das Gefühl hatte: Soweit bin ich noch nicht, hier gehöre ich nicht hin. Im Laufe der Jahre und im Zuge meines Engagements hat sich meine Meinung komplett geändert – ich glaube, dass ein Frauenhaus keineswegs die Endstation, sondern auch ein guter Ausgangspunkt für einen Neuanfang sein kann.

Du bist zweifache Mutter. Inwieweit hat es deine Kinder geprägt, dass du sexualisierte und häusliche Gewalt erleben musstest? 

Kinder sind in gewaltvollen Beziehungen IMMER mitbetroffen. Und sie leiden häufig still. Meinen kleinen Sohn habe ich in schwierigen Situationen mit meinem Partner mehrfach als „Schutzschild“ aus dem Bett geholt. Das hat auch bei mir eine seelische Wunde mit massiven Schuldgefühlen hinterlassen, die ich aktuell in einer Traumatherapie aufarbeite. Mein Sohn hat jetzt glücklicherweise auch eine Therapie begonnen. Beide Kinder haben es als normal empfunden, eine dauerhaft angespannte, erschöpfte und von Schuldgefühlen geplagte, berufstätige Mutter zu erleben. Ich habe über Jahre hinweg einfach nur versucht, irgendwie zu überleben – das geht auch an Kindern nicht spurlos vorbei. 

Was rätst du Müttern, wie sie ihre Kinder am besten unterstützen können?

Wir als Mütter können unsere Kinder am besten schützen, wenn wir unser Schweigen brechen. Denn dann gewinnen wir wieder Macht und Kontrolle über unser eigenes Leben und das unserer Kinder. Häufig halten einen die eigenen Schuld- und Schamgefühle davon ab, sich zu öffnen und Hilfsangebote wahrzunehmen. Dabei wäre mein Rat: Suche dir Unterstützung – für dich und deine Kinder. Vertraue dich den bekannten Hilfetelefonen an, suche dir Unterstützung in deiner Stadt und/oder auch über soziale Medien.

Du sprichst von Angst und Scham. Warum fällt es betroffenen Frauen und Müttern so schwer, sich aus der Gewaltspirale zu lösen? 

Das ist eine Frage, die sich viele Außenstehende stellen. Wer nicht betroffen ist, kann kaum nachvollziehen, warum Frauen häufig in den Beziehungen bleiben, nicht über das Erlebte sprechen oder – wenn sie es tun – die Gewalt bagatellisieren und für die Täter lügen. Sexualisierte und häusliche Gewalt ist ein System aus Macht und Kontrolle, was den Selbstwert eines Menschen langsam zerstört. Es kommt zu einer Spirale aus Scham, Schuld und Todesangst, die oftmals mit einer großen Erschöpfung und einem Ohnmachtsgefühl einhergeht. Diesen Kreislauf können wir nur durchbrechen, ich wiederhole mich, wenn wir anfangen zu reden. Mir ist bewusst, wie viel Mut dieser Schritt kostet. Doch solange wir schweigen, schützen wir nur die Täter. Daher wäre mein Tipp: Brich das Schweigen, denn das bedeutet Heilung für dich und deine Kinder!

Du hast uns erzählt, dass deine Enkelin der Auslöser für dein Engagement war. Wie kam es dazu? Und wovor genau möchtest du sie und andere Kinder schützen?

Ich habe vor drei Jahren meiner damals noch ungeborenen Enkelin versprochen, über das Erlebte zu sprechen und mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Mein Ziel war und ist es, die Welt ein Stück sicherer, gleichgestellter und würdevoller zu gestalten. Das war der größte Liebesbeweis, den ich für sie erbringen konnte. Und mein Versprechen löse ich seitdem konsequent ein.

Die Welt muss sicherer für Frauen und Kinder werden: Ein Ziel, für das sich Alice Westphal Tag für Tag einsetzt.
Alice' größter Traum ist eine gewollte und wahrhaftig gelebte Gleichstellung und Gleichberechtigung.

Apropos Engagement: Was müsste sich in unserer Gesellschaft ändern, damit dein Einsatz überflüssig wird?

Ja, das ist mein größter Traum – eine gewaltfreie Welt! Die Voraussetzung ist eine gewollte und wahrhaftig gelebte Gleichstellung und Gleichberechtigung. Wir müssen weg von einer männerdominierenden Politik, vom Patriachat, hin zu einer Gesellschaft, in der sich die Menschen auf Augenhöhe mit Wertschätzung und Respekt begegnen.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Alice!

Und wenn wir uns Alice' Lebensgeschichte und die eingangs zitierten Sätze der Frauenhauskinder anschauen, dann wird klar, wie wichtig ein sicheres Zuhause für Kinder ist – nicht nur am Internationalen Kindertag. Mit Projekten wie „Zuhause auf Zeit“ möchten wir uns bei IKEA dafür einsetzen, dass Mütter und ihre Kinder ein neues Zuhause finden, indem sie das Erlebte verarbeiten und für die Zukunft gestärkt werden. Leila, eines der Frauenhauskinder, bringt es folgendermaßen auf den Punkt: 

„Das Frauenhaus war ein Ort, bei dem ich wusste, dass ich sicher bin. Ich wusste, dass es ein Haus ist, in das keine Männer dürfen. Man hat die komplette Sicherheit. Ich habe mich einfach zuhause gefühlt – so, wie sich das normalerweise auch anfühlen sollte […].“

Wenn du mehr über die Rechte von Kindern erfahren möchtest, dann klick dich in den Blogbeitrag unseres Kooperationspartners UNICEF, der seit 75 Jahren wichtige Arbeit für die schwächsten Glieder der Gesellschaft leistet. 

*Die Zitate stammen aus Interviews mit Frauenhauskindern, die im Rahmen der Studie von Prof. Angelika Henschel (2019) durchgeführt wurden: „Frauenhauskinder und ihr Weg ins Leben. Das Frauenhaus als entwicklungsunterstützende Sozialisationsinstanz.“ Sie wurden sprachlich geglättet, sind inhaltlich aber nicht verändert worden. 


Über die Autorin: Judith Alpmann

Ich arbeite bei IKEA in der internen Kommunikation und versuche, unsere Mitarbeitenden bestmöglich zu informieren und kommunikativ einzubinden. Meine große – und für alle, die mich kennen – wenig geheime Leidenschaft ist das Reisen. Neue Orte zu erkunden macht mir unglaublich viel Spaß! Als Kind habe ich in einer Ferienwohnung im Urlaub auch mein Lieblingsmöbelstück von IKEA entdeckt: Den gemütlichen Sessel POÄNG. Es war Liebe auf den ersten Blick, daher habe ich ihn mir damals auch direkt zu Weihnachten gewünscht. Seitdem begleiteter er mich durchs Leben und versprüht auch in meinem Alltag ein bisschen Urlaubsflair. Nicht zuletzt durch meine vielen Auslandsaufenthalte liegt mir Diversity and Inclusion sehr am Herzen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es, dass dieses Thema weiterhin an Bedeutung und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gewinnt.