Zu Hauptinhalt springen
Menü

Interview zum IDAHOTB 2022 – „Home Pride Home“

Alle sollten sich zu Hause fühlen und frei sein, unabhängig davon, wer oder wo sie sind.

(17.05.2022) Endlich nach Hause kommen – „Home Sweet home“. Den schönen Sinnspruch haben viele im Kopf oder als Schild an ihrer Haustür. Doch wie fühlt sich das Leben an, wenn man sich eben nicht zu Hause bzw. akzeptiert fühlt, so wie man ist? Zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOTB) am 17. Mai hat IKEA das „Home Sweet Home“-Schild als Symbol für Akzeptanz und Integration neu gestaltet: Jetzt heißt es Home Pride Home – hier findet ihr das Icon zum Download. Es zeigt unsere Überzeugung, dass sich alle zu Hause fühlen und frei sein sollten, unabhängig davon, wer oder wo sie sind.

IKEA hat das „Home Sweet Home“-Schild als Symbol für Akzeptanz und Integration neu gestaltet.

Dies gilt umso mehr für lesbische, schwule, bisexuelle, transgeschlechtliche und intersexuelle Menschen, die in ihren Herkunftsländern Verfolgung und Gewalt seitens des Staates, der Familie oder der Gesellschaft erfahren mussten. In Deutschland angekommen, ist für viele queere Menschen die Flucht noch nicht vorbei. Zu der existentiellen Unsicherheit, kommen Erfahrungen von Rassismus, aber auch von LSBTI*-Feindlichkeit und sogar Gewalt hinzu.

Und hier kommen „Queer Refugees Deutschland“ in Spiel: Ziel des Projektes des LSVD (Lesben- und Schwulenverband) ist es, deutschlandweit geflüchtete LSBTI*-Aktivistinnen und Aktivisten zu vernetzen und bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Auf www.queer-refugees.de finden sich zahlreiche Informationen und Anlaufstellen vor Ort – per Online-Mapping in verschiedenen Sprachen.

IKEA Deutschland unterstützt Queer Refugess bei der Förderung so genannter Self-Empowerment Trainings, mit deren Hilfe queere geflüchteten Menschen zu mehr Selbstvertrauen und Resilienz finden und gestärkt werden sollen. „Unsere Erfahrung zeigt, dass das Zusammentreffen von unterschiedlichen LSBTI*-Geflüchteten mit ihren wertvollen Erfahrungen und Eigenschaften alle bereichern“, sagen Ina Wolf und Lilith Raza. „Durch gegenseitige Unterstützung kann eine große positive Kraft entstehen, die sich auf unterschiedlichste Weise auf persönlicher wie auch politischer Ebene nachhaltig auswirkt.“

Wir sprechen mit Ina und Lilith vom Lesben- und Schwulenverband über das Projekt „Queer Refugees“.

Mit dem Krieg in der Ukraine waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Was heißt das für euch als Queer Refugees Projekt – das Telefon steht vermutlich nicht still?

Tatsächlich haben wir seit Februar doppelt so viele Erstberatungen, die ohnehin immer mehr werden. Herausfordernd ist nicht nur die rechtliche Einarbeitung. Denn es gibt nach wie vor vielfältige Probleme für alle Geflüchteten. Hier müssen wir auch unterscheiden zwischen LSBTI*-Geflüchteten mit ukrainischen Pass und den vielen ohne einen solchen Pass. Selbst denjenigen mit einem ukrainisches Visum legen die Ausländerämter viele Steine in den Weg. Es ist ein Unterschied, ob ein Visum mit Arbeitserlaubnis ausgestellt wird oder das langwierige Asylverfahren durchlaufen werden muss. Diese Ungleichbehandlung macht vielen sehr zu schaffen. Das empfinden wir als sehr diskriminierend und nicht förderlich für eine Integration und einen Vertrauensaufbau.

Wie können wir uns einen typischen Tag mit euch vorstellen, wie startet ihr und welchen Herausforderungen begegnet ihr?

Zuerst sind immer die Beratungen auf der Liste. Denn es kommt vor, dass Menschen kurz vor der Abschiebung stehen oder dass sie akut Gewalt in den Unterkünften ausgeliefert sind. Hier müssen wir schnell handeln. Es gilt, deutschlandweite Kontakte herzustellen. Da helfen uns natürlich unsere gute Vernetzung und die Beratungsstellen in Deutschland, wie z.B. die RosaLinde in Leipzig. Viele kontaktieren uns auch wegen negativer Asylbescheide oder weil sie große Angst vor der Anhörung haben. Gerade machen uns die vielen Anfragen von Aktivist*innen oder Ortskräfte aus Afghanistan zu schaffen, die unter Lebensgefahr noch immer dort festhängen. Auch andere schwere Menschenrechtsverletzungen erreichen uns jeden Tag via Mail, samt Bildern und eindrücklichen Beschreibungen der verzweifelten Lage.

Wie viele queere geflüchtete Menschen leben schätzungsweise in Deutschland? Und wie viele könnt ihr mit eurer Arbeit erreichen?

Wir gehen von mindestens 200.000 queeren Geflüchteten aus. Sage und schreibe vier Tonnen Beratungsmaterial – auch mehrsprachig – haben wir seit Projektbeginn verschickt an Unterkünfte, Beratungsstellen und alle, die mit LSBTI*-Geflüchteten zu tun haben. Pro Tag haben wir Kontakt mit fünf bis sieben Geflüchteten. Unsere Homepage wird jeden Monat hier und weltweit sehr oft aufgerufen.

Viele von ihnen müssen Gewalt und Diskriminierung erfahren. Was ratet ihr hier? Kann man überhaupt einen guten Umgang damit erlernen?

Das ist eine schwierige Frage, denn Gewalt ist mit Scham verbunden. Selbst nichtgeflüchtete Gewaltopfer bringen dies nur selten zur Anzeige. Wir schulen konsequent Mitarbeitende und Verantwortliche in den Unterkünften, unser Verband hat einen tollen Leitfaden zum Gewaltschutz herausgebracht. Wichtig ist es, diese Taten zu vermeiden, Bedingungen herzustellen, damit sich sowas gar nicht erst ereignet, konsequentes Handeln und Opferschutz. Hinzu kommen das Fördern von speziellen Unterkünften für LSBTI*-Geflüchtete, mehr Sozialarbeitende und mehr Hilfe für LSBTI*-Geflüchtete. Diese fühlen sich un-geoutet oft sehr einsam in den Camps. Aus verschiedenen Gründen offenbaren sie ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität nicht, da sie ja auch mit Menschen zusammenleben, oft in Sechsbettzimmern auf engsten Raum, die aus denselben Kulturkreisen kommen, in denen sie verfolgt wurden.

Was müsste sich in unserer Gesellschaft ändern, damit sich alle zu Hause fühlen und frei sein können, egal wer oder wo sie sind?

Diese tief in der Gesellschaft verhafteten Vorurteile müssen möglichst früh entkräftet werden. Die Auseinandersetzung mit Hass und Vorurteilen sollte in den Schulen beginnen. Wir brauchen eine neue Diskussionskultur und mehr Demokratieförderung, samt echter Teilhabe. Wir haben für die Sprach- und Integrationskurse ein tolles Lehrheft zum Thema sexuelle und geschlechtliche Identität herausgebracht. Studien zeigen, dass Deutschland von Vielfalt profitiert, auch von der Migration und der Akzeptanz gegenüber LSBTI*. Deutschland ist ein großes, vielfältiges und mächtiges Haus. Die Gesellschaft sollte die Potentiale sehen, die für alle darin liegen.

Vielen Dank für das Interview! Du möchtest noch mehr zu dem Engagement von IKEA erfahren? Hier stellen wir dir das Projekt „Mädchen.Machen.Zukunft“ vor.

Der Lesben- und Schwulenverband geht von mindestens 200.000 queeren Geflüchteten aus.

Über die Autorin: Simone Settergren

Ich kümmere mich bei IKEA um das Thema Public Affairs, also darum, dass wir bei Politik und Wirtschaft, aber auch bei den Menschen vor Ort als verantwortungsvolles Unternehmen wahrgenommen werden. Meine geheime Leidenschaft ist das Lesen – ohne ein gutes Buch im Gepäck verlasse ich selten das Haus. Aus dem Sortiment von IKEA liebe ich am meisten das HEMNES Tagesbett: Es nimmt wenig Platz ein, hat tolle Staumöglichkeiten und sogar einen ausziehbaren Lattenrost für Übernachtungsgäste.


Jetzt weiter lesen!