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Farben und ihre Wirkung in deinem Zuhause – ein Interview mit Interior Design Leader Jessica Miertz

(16.11.2022) Ein auffälliger Wandanstrich liegt derzeit voll im Trend – je mutiger, desto besser. Räume in Dunkelblau oder sattem Waldgrün wirken besonders gemütlich und versprühen Charakter. Ergänzt mit bunten Accessoires steht diese neue Opulenz dem Minimalismus gegenüber. Doch wie gehe ich es an, wenn ich Lust auf Farbe in den eigenen vier Wänden habe? Wo fange ich an und woher weiß ich, was wirklich gut zusammenpasst? Muss es immer ganz oder gar nicht sein und welche Designtricks gibt es beim Streichen? In einem Interview rund um das Thema Farbe in der eigenen Wohnung verrät uns Interior Design Leader Jessica Miertz unter anderem, welche Farben sich besonders gut für bestimmte Räume eignen und welche Wirkung sie auf uns haben. Sie räumt mit Vorurteilen auf, die uns vor dunklen Wandfarben abschrecken und gibt uns als kleines Extra praktische Farbkarten an die Hand, damit wir gleich losdekorieren können.

Ich möchte einen Raum neu streichen. Was ist das Erste, was ich mir in puncto Farbe überlegen sollte?

Überlege zuerst einmal, welchen Effekt du mit der Farbe erzielen möchtest. Soll die Farbe z. B. Wärme erzeugen? Soll sie ein Stilelement sein oder sogar dabei helfen, eine optische Täuschung zu erzielen, indem sie den Raum größer, tiefer, höher, länger oder breiter erscheinen lässt?

Viele Menschen begegnen kräftigen und/oder dunklen Farben mit dem Vorurteil, sie würden einen Raum kleiner erscheinen lassen – wie siehst du das?

Absoluter Irrglaube – tatsächlich ist es sogar eher das Gegenteil. Natürlich kommt es darauf an, was im Anschluss mit dem Rest des Raumes passiert. Dunkle oder kräftige Farbe an den Wänden sollten z. B. mit dezenten weißen oder schwarzen Möbeln kombiniert werden. Die Farbe kann die Möbel richtig zum Leuchten bringen und sorgt zusätzlich für eine gemütliche Atmosphäre im Raum. Wenn du viele unterschiedliche Möbel und Farben kombinierst, kann es tatsächlich erdrückend wirken. Ansonsten sind dunkle Farben aber eine tolle Wahl für kleine Räume und schaffen definitiv mehr Gemütlichkeit. Werden kleine Räume komplett in einer Farbe gestrichen, verschwimmen Kanten und Übergänge und der Raum wirkt größer. Das funktioniert mit dunklen Farben sogar noch besser als mit hellen. Wer sich nicht gleich traut, einen kompletten Raum zu streichen, sollte sich zunächst die Form des Raumes anschauen.

Hast du einen schlauchförmigen Raum, würde ich dir empfehlen, die Stirnseiten in einer dunkleren Farbe zu streichen – so wird der Raum optisch verbreitert. 

Welche Wirkung haben Farben auf unsere Stimmung? Hast du Erfahrungswerte dazu, welche Farben welche Stimmung auslösen oder unterstreichen?

Oh ja, definitiv: Grün ist die Farbe der Natur – sie beruhigt, wirkt harmonisch und steht für Sicherheit und Hoffnung. In Räumen erzeugt Grün Ruhe, Sicherheit und fördert die Kreativität – es eignet sich daher auch gut für Arbeitsräume, auch wenn es etwa nur in Form von Pflanzen auftaucht. Blau ist eher kühl, steht aber gleichermaßen für Beständigkeit, Klarheit, Vertrauen und wirkt beruhigend. Des Weiteren lässt gerade Blau kleine Räume größer erscheinen. Das Gleiche gilt für Gelb – auch hiermit wirken kleine Räume größer und allem voran erzeugt die Farbe Heiterkeit. Sie fördert die Konzentration und Kreativität und kann sogar anregend für Unterhaltungen sein. Daher ist Gelb oft etwa in Konferenzräumen zu finden. Auch für Kinderzimmer eignet es sich sehr gut. Rot hingegen wirkt zwar warm, aber auch aktivierend und sollte nur sparsam eingesetzt werden – zu viel Rot macht einen Raum zudem unruhig.

Jessica Miertz weiß, wie du mit den richtigen Farben mehr aus deinem Zuhause holst.
„In Küchen ist fast alles möglich“, sagt Expertin Jessica. Wie wäre es mit Apricot?

Welche Farbtöne und Farbfamilien würdest du für welchen Raum empfehlen?

Für Schlafzimmer eignen sich gedecktere Blau- und Grüntöne sowie leichtere Rosa- und Erdtöne besonders gut. Diese Farben sind zurückhaltend und wirken beruhigend. In Kinderzimmern ist es gut, in Zonen zu denken – Gelb, Orange oder Grün können super für den Spielbereich des Kinderzimmers funktionieren. Um unseren Kindern aber auch einen guten Schlaf zu ermöglichen, sollte im Schlafbereich eine dezentere Farbe gewählt werden.

In Küchen ist fast alles möglich. So wirkt etwa ein Apricot-Ton in Kombination mit einer weißen Küche super. Ansonsten erobern gerade dunkle und kräftige Farben diesen Raum. Dunkelgrau und sogar Schwarz gestrichene Wände sind absolut im Trend, gerade wo auch die schwarze Küche wieder Platz in den Wohnräumen findet. Wer in einer Familienküche viel Zeit zusammen verbringt, kann aber auch wieder auf Gelb setzen. Beliebt sind hier ebenso neutralere Farben, genau wie beim Wohnzimmer.

Weiß, Beige und Erdtöne kommen immer noch viel zum Einsatz. Diese Farben erzeugen Wärme, wirken aber dennoch neutral. Räume, in denen du dich länger aufhältst, also aktiv Zeit verbringst, kannst du auch gut mit einer grauen und neutraleren Farbwelt gestalten – diese wirken immer zurückhaltend und haben keine extremen Auswirkungen auf dich. Sie sind also bei längerem Betrachten angenehmer.

Wie wichtig ist ein Farbkonzept für den Raum? Woran kann ich mich orientieren, damit alles harmonisch wirkt?

Hier helfen die Komplementärfarben aus. Dafür schaust du im Farbkreis nach Farben, die sich gegenüberliegen. Nehmen wir etwa eine dunkelblaue Wand (im Übrigen meine Lieblingsfarbe, welche sich auch in meinem Schlafzimmer an einer Wand wiederfindet): Die gegenüberliegende Farbe im Farbkreis ist Orange – diese kann super als Akzentfarbe funktionieren, z. B. als Kissenbezug oder als kleine Lampe. Des Weiteren funktionieren ähnliche Farben, also solche, die im Farbkreis nebeneinanderliegen, gut zusammen. Ein weiteres Farbkonzept, welches harmonisch wirkt, ist Ton in Ton. Dafür wählst du beispielsweise unterschiedliche Grüntöne und kombinierst sie miteinander. Prinzipiell gilt: Entscheide dich für eine bis drei Farben und mische nicht zu wild durcheinander.

Jessicas Farbkarten

Sollte ich die gesamte Wand bis zur Decke streichen oder einen weißen Rahmen lassen? Kann ich auch nur einen Teil einer Wand streichen, zum Beispiel halbhoch oder in der Homeoffice-Ecke? Wenn ja, wie wirken diese verschiedenen Herangehensweisen?

Gezielte Farbakzente sind absolut möglich. Dafür wird sich an Linien orientiert, die ein Raum oder die Einrichtung vorgeben. Dabei sollte die Farbe z. B. nicht genau mit der Kante des Möbelstücks abschließen – viel mehr sollte sie die Möbel einrahmen. So kann beispielsweise eine Homeoffice-Ecke farblich vom Rest des Raumes abgehoben werden. Dafür wird die komplette Wandfläche hinter dem Schreibtisch und den Wandregalen gestrichen und zusätzlich noch mindestens weitere 20 cm links und rechts dazu addiert, damit die Möbel optisch eingerahmt wirken.

Wer eine Hakenleiste an der Wand hat, kann diese super mit einer Wandfarbe akzentuieren, dabei geben die Kanten der Leiste den Bereich für den Anstrich vor. Gleiches gilt für Tür- oder Fensterrahmen. Spannend ist es auch, die Raumdecke farbig zu streichen. Gerade bei hohen Räumen, etwa in Altbauwohnungen, erzeugt es viel Spannung und drückt die Decke dadurch nicht optisch nach unten – trau dich ruhig, mal etwas auszuprobieren! Wenn du eine ganze Wand bis zur Decke streichst, streckst du den Raum optisch. Dieser Effekt wird verstärkt, indem du einen schmalen weißen Rahmen lässt. Dadurch wirkt die Wand immer etwas vergrößert, also definitiv ein „yes“ zu einem weißen Rahmen. Damit dieser auch wirklich wirken kann, empfehle ich eine Breite von mindestens 5 cm.

Und noch ein letzter Tipp: Wenn nur eine Wand gestrichen werden soll, eignet sich die vom Fenster gegenüberliegende Wand besonders gut, denn diese wird vom Tageslicht angestrahlt.

Wie kann ich den Raum z. B. mit Accessoires neu akzentuieren, wenn ich gerade nicht streichen kann?

Das ist tatsächlich eine tolle Möglichkeit für alle, die sich nicht an den Farbeimer trauen oder sich auch nicht so recht festlegen können, was ihnen auf lange Sicht gefällt. Entscheide dich in dem Fall für eine neutrale Basis, was die Wandfarbe und den Großteil der Möbel anbelangt, z. B. Weiß, und greif dann bei den Accessoires zu Farbe. Gardinen oder Vorhänge, ein neuer Teppich und passende Kissen – schon sieht ein Raum komplett anders und neu aus.

Jetzt selbst loslegen

Für alle, die gern mit Farbe experimentieren wollen, doch nicht so recht wissen, wo sie anfangen sollen, hat Jessy einige Ideen in Form von Farbkarten zum Nachstylen zusammengestellt. Diese Farbgruppen harmonieren besonders gut miteinander, sodass du auf der sicheren Seite bist – viel Spaß beim Ausprobieren!

Du bist auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten, Farbakzente in dein Zuhause einfließen zu lassen? Dann wirf einen Blick auf unser herbstliches Stick-DIY!

Eine Homeoffice-Ecke kann farblich vom Rest des Raumes abgehoben werden.

Über die Autorin: Luna Kilian

Für IKEA bin ich als externe Autorin immer auf der Suche nach interessanten Persönlichkeiten, Tipps für guten Schlaf und Dingen, die das Leben schöner machen. Und letztere, die mir besonders viel Freude bereiten, finden bei mir zu Hause ihren Platz im VITTSJÖ Regal. Dort tummeln sich neben meinen Lieblingsbüchern witzige und kuriose Gegenstände. Darunter der Gipsabdruck meiner Zähne unter einer Glasglocke, unsere Hausbar oder mein getrockneter Brautstrauß. Neben dem Horten von Skurrilitäten gilt meine Leidenschaft dem Zirkus. Schon als Kind bin ich in die Manege abgehauen und wurde immer wieder während einer Vorstellung von genervten Artisten meiner Mutter übergeben. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir eine Superkraft wünschen, mit der ich die Zeit anhalten kann – davon haben wir so wenig…


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